Gedanken zu "Der Junge auf dem Berg" von John Boyne

John Boyne - Der Junge auf dem Berg
"Der Junge auf dem Berg" wurde mir als Leseexemplar kosten und bedingungslos zur Verfügung gestellt.

Diese Zerrissenheit zwischen "immer weiter lesen wollen" und bloß nicht ans Ende kommen - die Sprachlosigkeit nach den letzten Sätzen und das Gefühl, dass man nicht einfach mit dem nächsten Buch weiter lesen kann, auch wenn der Abend noch jung ist.

Wann ging es euch das letzte mal so?

Genau dieses Gefühl hatte ich bei "Der Junge auf dem Berg".
Vor Jahren schon ging es mir bei "Der Junge im gestreiften Pyjama" wohl ähnlich, so genau weiß ich das nicht mehr, aber klar ist, ich wusste bei John Boynes neuestem Werk schon von Anfang an, dass es nicht einfach werden würde.
Trotzdem hat es mich schon relativ früh wieder gepackt und ich war hin und her gerissen zwischen "weglegen" und "weiter lesen".
Weglegen nicht etwa deshalb, weil ich hätte abbrechen wollen sondern eher deshalb, weil ich nicht fassen konnte, wie sehr sich Pierrot immer mehr in Peter verwandelt ohne selbst wirklich zu realisieren was da gerade mit ihm passiert.

Zu Beginn des Buches ist Pierrot noch ein harmloser kleiner Junge, der mit seinen Eltern in Paris lebt.
Schon damals ist sein Leben nicht gerade einfach, aber er hätte das haben können, was man eine glückliche Kindheit nennt.
Doch natürlich bietet sich von Anfang an auch schon eine ganze Menge Konfliktpotenzial. Die Mutter ist Französin, der Vater Deutscher, der beste Freund ein Jude (dies klingt am Anfang schon an, so wirklich bestätigt wird es aber erst im Laufe der Geschichte).
Auf tragische Weise verliert Pierrot kurz nacheinander beide Eltern, lebt kurze Zeit zusammen mit seinem besten Freund und dessen Mutter, bevor er in ein Waisenhaus umzieht.
Auch dort ist sein Aufenthalt nur von kurzer Dauer, denn bald darauf wird er mit dem Zug zu seiner Tante geschickt die als Hauswirtschafterin arbeitet und zu der er bisher noch nie Kontakt hatte.

Auf dem Obersalzberg wird aus Pierrot dann zu seiner eigenen Sicherheit "Peter" und auch sonst bekommt er einige Vorschriften, die ihm nicht ganz einleuchten, die er aber befolgen muss.

"Ernst hat recht", bestätigte Beatrix. "Es wird das Beste sein, wenn du überhaupt nicht über deine Vergangenheit redest. Du kannst die Erinnerungen natürlich in deinem Kopf behalten, aber erzähl nicht von ihnen."
Genau diese Verwandlung vom kleinen, harmlosen Pierrot zum großen, gefährlichen Peter fand ich so erschreckend, weil es so deutlich zeige, wie sehr uns der falsche Einfluss verändern kann, ohne dass wir es wollen und sogar ohne es selbst zu realisieren, bis es zu spät ist.
"An diesem Morgen war er als Pierrot aus dem Bett gestiegen, aber der Junge, der sich dort nun wieder hineinlegte und kurz darauf tief und fest schlief, hieß Peter."
Dass der Leser hier deutlich mehr Wissen hat als Peter macht alles auch nicht gerade einfacher, denn so erkennt man wo er da hinein schlittert. Doch obwohl man das bereits ahnt machte es das nicht gerade leichter und oft möchte man Peter so gerne einfach mal wachrütteln, anschreien und im die Augen öffnen für das was mit ihm und um ihn herum passiert.
"Du bist doch der Junge, der da oben wohnt, oder?" fragte sie und deutete mit dem Kinn in Richtung der Berge. "Das ist richtig, ja", erwiderte er, "Dann bist du das, was ihnen passiert ist." 
Ob man das Ende passend findet oder nicht, darüber lässt sich streiten. Für meinen Geschmack hätte es ein wenig anders sein dürfen, aber naja.
Trotz des schwierigen Themas lässt sich das Buch zügig lesen, ich selbst musste nur hin und wieder "Denkpausen" machen und auch wenn ich das Buch gerade nicht gelesen habe, sind meine Gedanken immer wieder zu Pierrot und den übrigen Bergbewohnern gewandert.